Wer macht die Musikindustrie kaputt?

Ja ja, die bösen Raubkopierer sind schuld. Oder gibt es ein Bürgerrecht auf kostenfreie Musik? Ohne Polemik wird scheinbar nicht mehr über Musik gereden, dabei ist es doch eigentlich ganz anders…

Ich gebe es jetzt mal zu: ich bin einer von denen, die sich Musik noch kaufen. So richtig zum in die Hand nehmen, auf CD. Und manchmal erwerbe ich mittlerweile auch einzelne Titel als mp3. Trotzdem scheu ich mich nicht, auch zu kopieren. Für den mp3-Player im Auto, fürs Büro, von und für Freunde. Hätte ich vor allem letzteres nicht schon immer gemacht, wäre mein musikalischer Horizont deutlich kleiner. In den 80ern war es normal, dass sich im Freundeskreis nur einer eine LP kaufte und die anderen davon ein Kopie auf Tape machten. Bei 10 Freunden hatte man so vom selben begrenzten Taschengeld das 10-fach an Musik. Neuerdings beobachte ich bei einigen aufkommende Skrupel wenn es darum geht, Musik im Freundeskreis zu teilen. Die Propaganda scheint zu fruchten.

Es ist offensichtlich, dass die Musikindustrie einen massiven Umsatzeinbruch hatte. In den letzten 5 Jahren (2004 – 2008) sanken die jährlichen Ausgaben der Deutschen für Musik um 194 Mio. Euro. Übrig bleibt ein Markt von 1,56 Milliarden Euro. (Quelle: Bundesverband Musiindustrie)

Zahlen in der Höhe sind so abstrakt, dass es leicht ist zu sagen: So ein Haufen Geld. Die solln mal nicht meckern. Aber es ist vollkommen egal, wie hoch die absolute Zahl ist. Der Rückgang entspricht 11%. Und 11% Umsatzrückgang kann niemand auf die leichte Schulter nehmen, egal ob es der Bäcker an der Ecke ist oder der globale Industriekonzern. Also gilt es die Ursache zu untersuchen und eine Lösung zu finden.

Das fatale ist: die Musikindustrie hat als einzige Ursache die Raubkopierer ausgemacht. Folgerichtig ist die einzige Lösung ein massives Vorgehen gegen Kopien in jeglicher Form. Von technischen Beschränkungen (DRM) über unzählige Abmahnungen bis zu intensiver Lobbyarbeit für eine schärfere Gesetzgebung.

Eigentlich klar, dass daraus eine Gegenbewegung entsteht. Der Ruf der Musikindustrie hat mächtig gelitten. Selbst kleine Labels werden von Musikhörern als “das Böse” wahrgenommen, wie ich kürzlich in einem Interview lesen konnte. Die Idee einer Kulturflatrate hätte ohne die Drohkulisse seitens der Industrie nicht so hohe Wellen geschlagen. Es gipfelt in der Forderung nach prinzipiell kostenfreier Musiknutzung, was aus Künstlersicht keine lebensfähige Alternative sein kann.

Eine verfahrene Situation, die auf beiden Seiten mit Polemik und gegenseitiger Schuldzuweisung aufrecht erhalten wird. Mangels glaubwürdiger Argumente traue ich keiner Seite mehr.

Also hab ich ein wenig recherchiert um mir ein eigenes Bild zu machen. Ausgehend von der Überlegung, dass die Musikindustrie in den 80ern und 90ern überproportional gewachsen und jetzt eben auf eine Normalmaß geschrumpft ist, habe ich nach Statistiken gesucht, die diese These belegen oder eben nicht. Leider fand ich keine Umsatzstatistiken zu Musikverkäufen vor 1995.

Als wesentlich interessanter hat sich eine wissenschaftliche Arbeit erwiesen, über die ich gestolpert bin. Klare, nachvollziehbare Argumente, die die Veränderungen des Musikmarktes in den letzten 40 Jahren darstellen und begründen. Bar jeder Polemik taugt die Arbeit nicht für große Schlagzeilen, ist aber (oder gerade deshalb) eine der ganz wenigen vernünftigen Äußerungen zu dem Thema, die ich kenne.

Kurz skizziert kommt die Arbeit zu folgendem Schluss:

Ende der 60er hat sich der Musikmarkt von Singles hin zu LPs gewandelt, mit einem Höhepunkt Ende der 70er. LPs haben eine deutlich höhere Marge als Singles, wodurch die Umsatzzahlen stiegen. Die Einführung der CD brachte in den 80ern und 90ern nochmals einen massiven Umsatzschub, da – zusätzlich zu den neuen Veröffentlichungen – alte Aufnahmen mindestens einmal erneut auf CD erschienen. Nach der Jahrtausendwende hat sich durch das Internet der Markt gewandelt. Es werden wieder deutlich mehr Singles bzw. Einzeltracks gekauft, die Longplayer gehen zurück. Die Gesamtzahl der verkauften “Einheiten” bleibt dabei nahezu gleich, durch die geringere Marge bei Einzeltracks schrumpft allerdings der Umsatz. Ein weitreichender Einfluss der “Raubkopierer” am Umsatzrückgang wird dagegen ausgeschlossen.

Wer etwas Zeit hat, sollte die ganze Arbeit lesen. Eine erfreulich nüchterne Betrachtung der Situation.

Es ist also so, dass sich der Musikmarkt wandelt. Ok, dass ist im Wirtschaftsleben normal. Nach 30 Jahren das eigene Geschäftsmodell zu überdenken und auf neue technische Entwicklungen zu reagieren kann nicht zu viel verlangt sein. Wohlgemerkt: mir tut es um jeden einzelnen Mitarbeiter leid, der durch diesen Wandel seinen Job verliert. Die Schuld daran den Kunden zu geben ist mit nichts zu rechtfertigen und auf Dauer unternehmerischer Selbstmord.

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